- Kommentar
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- Köln
(Deutschland),
- den 7. November 1999
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- Nun haben wir sie also alle gehört,
die Meinungen der Experten zu Andreas lyrischem Debüt in Amerika
mit Werther an der Detroiter Michigan Opera in der vergangenen
Woche. Die Herren Bernberger (Financial Times), Johnson (Detroit
News), Stearns (USA Today), Tommasini (New York Times) und ihre hier
nicht genannten Kollegen haben es fertig gebracht, dass ich mich als
ein Teil des begeisterten Publikums mitkritisiert fühle, und ich
somit erstmals von unserem Grundsatz abweiche, diese unsere Seite
nicht zur Veröffentlichung von persönlichen Meinungen zu nutzen.
Man kann es auch als eine Kritik an den Kritikern ansehen,
vielleicht interessiert es sie ja auch, wenn sie einmal des Volkes
Stimme hören:
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- Da stehen wir nun also alle als
Ignoranten mit unserer Begeisterung, wir sogenannten Fans eines Sängers,
dem es in Ihren Augen nicht zusteht eine Opernbühne zu betreten,
weil er vielleicht rein technisch der ein oder anderen Anforderung
an einen Tenor (noch) nicht gewachsen ist. Wir, die ihm stehend
applaudieren, werden abgekanzelt wie dumme Hühner, die keine Ahnung
von der Materie haben und daher wohl in einem erlauchten Opernhaus
nichts zu suchen haben. War es doch zuletzt immer eher ein Privileg
der "upper class", sich dort zu treffen. Ob die aber immer
Ahnung von dem, was sie da hörten, hatten, sei dahingestellt,
zumindest haben sie sich ein gewisses Wissen angeeignet, das den
Opernnovizen eventuell noch fehlt. Ihnen passiert es zumindest
nicht, dass sie vor lauter Begeisterung mitten in eine Arie
klatschen, wie es am Sonntag in Detroit passierte... nun gut, in
diesem Fall sei Kritik berechtigt, und wird bestimmt gerne als
Verbesserungsvorschlag angenommen.
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- Aber diese Menschen sind nun da in
der Oper, einem Ort, an dem viele nicht einmal im Traum gedacht hätten,
sich jemals selbst wieder zu finden.
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- Warum sind sie da? Zumindest nicht
deshalb, weil irgendein gut ausgebildeter Tenor mit 25 Jahren Bühnenerfahrung
routiniert seine Werther absingt, wobei diesem keinerlei Zweifel
aufkommen, dass er ihn genau so interpretiert, wie Massenet (oder
vielleicht auch Goethe) ihn sich damals vorgestellt hatte.
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- Nein, die einen, zu denen auch ich
gehöre, sind da, um sich von einem Mann die Pforten zu einer ihnen
bis dahin völlig verschlossene Welt der lyrischen Musik öffnen zu
lassen, einem ambitionierten Künstler, der mit seiner eigenen
Begeisterung etwas fertig bringt, was vorher kaum ein anderer in
dieser Form geschafft hat. Er vermittelt ihnen mit seiner Stimme,
sei sie nun geschult, stark, technisch ausgereift genug oder nicht, genau die
Gefühle beim Hören dieser ach-so-altmodischen Musik, die Hunderte
andere Tenöre vor ihm ihnen nicht zu bringen vermochten. Da sitzen
Leute, die ihr Leben lang nur Pop oder Rock gehört haben und leiden
mit diesem Werther aus längst vergangenen Zeiten, und statt über
die altbackene Selbstmordstory dieses recht labilen jungen Mannes zu
lachen, fühlen sie mit, empfinden sie mit ihm.
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- Und die anderen, zu denen unsere
Freundin Astrid Eywo aus Wien gehört, die die Oper schon so oft in
ihrer jahrzehntelang währenden Leidenschaft für diese Musik in
ganz anderen Häusern, wie eben der Wiener Staatsoper oder dem
Londoner Covent Garden, gesungen von sogenannten Koryphäen gehört
hat, sind in der Weltuntergangsstadt Detroit gelandet, um den
Werther nun endlich mit eben dieser Stimme zu hören, der die
Kritiker so gerne den Garaus machen würden. Andrea Bocellis Stimme
vermittelt auch ihnen genau das Quäntchen Gefühl, das
Dutzende anderer Startenorstimmen, so technisch ausgefeilt sie auch
sein mögen, nicht zu
ihnen rüberbringen konnten.
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- Darum waren sie alle da, für das
Gefühl, nicht für die Technik, auch nicht aus Sensationsgier oder
Voyeurismus. Niemand stand betroffen in der ersten Pause dort, wie
einer der oben genannten Herren glaubte, erkannt zu haben. Wir waren
ergriffen, nicht betroffen... da kann mal auch mal schweigen, auch
als Fan. Und wir waren überwältigt von der wunderbaren Leistung,
die ein Mann erbracht hat, der sich - Gott sei Dank - bisher von keinem
der Steine, die ihm in seinem Leben in den Weg geworfen wurden,
davon abhalten ließ, eben genau diesem zu folgen.
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- Und dann sollte man noch die erwähnen,
die nur deshalb zum MOT gingen, um sich dort mal wieder eine Oper
anzusehen, die überhaupt nichts von irgendeinem Bocelli gehört
hatten und bloß erstaunt waren, dass das Opernhaus heute so voll
war. Ich fragte einige hiervon: "Was halten Sie von dem
Tenor?" Sie sagten, der ist in Ordnung. Auch Ignoranten, diese
Opernfans?
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- Warum kritisieren Sie ihn so hart?
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- Mag er Ihnen zuviel verdienen,
Ihnen, die mit ihren Kritiken ja auch gut über die Runden kommen?
Kann man in einem Land, wo Basketballspieler zweistellige
Millionenverträge bekommen, andere Sänger mit einen Auftritt an
nur einem Abend 13 Millionen verdienen, überhaupt hierüber ein
Wort verlieren? Sie zahlen sie doch, die Preise... nun, gut. Darüber
hinaus hat er die Gage des MOT sowieso für wohltätige Zwecke
hergegeben.
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- Mag es Sie stören, Kenner des hohen
Cs und der Atemtechnik, dass es nun gerade ein Späteinsteiger aus
Italien ist, der es in Ihren Augen nicht so perfekt macht, der der
aussterbenden Welt der Opernliebhaber neuen Zuwachs beschert, und
dass dieser Zuwachs nicht immer aus Leuten besteht, die zu jenen
elitären oder auch intellektuellen Kreisen gehören, die bisher die
Opernhäuser der Welt bevölkerten. Warum freuen Sie sich nicht
einfach? Die Welt verändert sich, und wir uns mit ihr.
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- Mag er Ihnen unheimlich sein, meine
Herren Kritiker, dieser Mensch mit der ungeheuren inneren Kraft, der
er durch seine Stimme Ausdruck verleiht. Uns erweitert er die
Horizonte, verleiht uns ungeahnte Glücksgefühle, wahre Freuden und
neue Freunde.
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- Springen Sie mal über Ihren eigenen
Schatten und sehen auch Sie mit Ihrem Herzen, denn nur mit diesem
sieht man ja bekanntlich gut, und vielleicht werden auch Sie dann ein
wenig verstehen, was uns dieser Andrea Bocelli gibt, warum wir
Tausende von Kilometern fliegen, um ihn als Werther zu erleben.
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- Ich
bereue keinen dieser Kilometer, die ich von Köln nach Detroit zurückgelegt
habe, und nicht einen Dollar, den mich diese Verrücktheit gekostet
hat, denn was ich dafür bekommen habe, vermag man nicht mit Geld
aufzuwiegen: Zwei wunderschöne unvergessliche Vorstellungen des
Werther mit einem unvergleichlichen Andrea Bocelli und die
Erkenntnis, dass man auch heutzutage noch seinen Träumen folgen
kann, wenn man sich nur nicht entmutigen lässt.
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- Renate
Bausch-Hochscheid
- bocelli.de
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